



Seonmudo, Stille und der Weg nach innen
Von Jens Schimmel
Im April 2025 wurde für eine Gruppe von elf Menschen eine Reise Wirklichkeit, die weit mehr war als ein Trainingsaufenthalt. Unser Ziel: Der Seonmudo Ausbildungstempel Golgulsa in Südkorea, ein Ort an dem sich Kampfkunst, Meditation und buddhistische Lebenspraxis zu einer einzigartigen Einheit verbinden.
Ankommen und Reduktion
auf das Wesentliche
Golgulsa liegt am Fuße eines steilen, bewaldeten Berges. Bereits bei der Ankunft wird deutlich, dass dieser Ort andere Maßstäbe setzt. Die Unterkünfte befinden sich im unteren Bereich der Anlage: Vier einfache Zimmer, traditionell ausgestattet, jeweils zwei für Frauen und zwei für Männer. Geschlafen wird, ganz im Sinne der koreanisch-buddhistischen Praxis, auf dem Boden. Diese bewusste Reduktion schafft Raum für das, worum es hier wirklich geht: Präsenz, Achtsamkeit und innere Klarheit.
Im Zentrum der Anlage liegen der Speisesaal und die Buddha-Halle, die zugleich Trainingsraum ist. Hier verdichten sich Alltag, Praxis und Spiritualität zu einem fließenden Rhythmus, der unseren gesamten Aufenthalt prägt.
Der Tagesrhythmus
Körper, Geist und Atem
Unsere Tage begannen früh und waren klar strukturiert. Gemeinsame Meditationen, Yoga-Einheiten, Gehmeditationen und intensives Seonmudo-Training wechselten sich ab. Seonmudo ist weit mehr als eine Kampfkunst: Es ist eine bewegte Meditation, die Kraft, Balance, Atemführung und geistige Ausrichtung miteinander verbindet.
Die Mahlzeiten sind schlicht, pflanzenbasiert und mit großer Sorgfalt zubereitet; Sie wurden bewusst eingenommen. Auch hier war Achtsamkeit kein Konzept, sondern gelebte Praxis.
Lernen in Gemeinschaft
individuelle Wege
Ein besonderer Aspekt unseres Aufenthalts war die Zusammensetzung der Gruppe. Während Markus Schäfer und ich bereits seit längerer Zeit Seonmudo praktizieren, war diese Disziplin für die anderen Teilnehmer, überwiegend Kampfkünstler aus unterschiedlichen Systemen Neuland.
Markus war zugleich der erste meiner Schüler, mit dem ich vor Ort eine Schülerprüfung durchführen durfte. In dieser Umgebung, fernab von gewohnten Dojos und Alltagsroutinen, bekam diese Prüfung eine besondere Tiefe und Bedeutung. Für Markus und mich gab es zusätzliche Trainingseinheiten, während die übrigen Teilnehmer gemeinsam mit den Temple Stayern trainierten. Dieser Austausch zwischen erfahrenen Praktizierenden, Neulingen und den Mönchen war von gegenseitigem Respekt, Offenheit und stiller Verbundenheit geprägt.
Der Weg nach oben
Training als Erfahrung
Einmal täglich führte uns das Training auf den Berg oberhalb des Tempels. Der Weg dorthin war steil, fordernd und verlangte Konzentration – fast schon eine eigene Trainingseinheit. Oben angekommen wurden wir belohnt: mit einer beeindruckenden Vorführung der Seonmudo-Kampfkunst und einem Ausblick, der den Geist weit werden ließ.
In diesen Momenten wurde deutlich, was Seonmudo im Kern bedeutet: Disziplin ohne Härte, Kraft ohne Aggression, Bewegung ohne Hast. Der Körper arbeitet – der Geist wird still.
Mindset statt Methode
Was wir aus Golgulsa mitgenommen haben, lässt sich kaum in Techniken oder Formen fassen. Es ist vielmehr ein Mindset: die Erfahrung, dass wahre Stärke aus innerer Ruhe entsteht, dass Klarheit aus Einfachheit wächst und dass Entwicklung dort beginnt, wo wir bereit sind, Gewohntes loszulassen.
Golgulsa ist kein Ort, den man „besucht“. Es ist ein Ort, den man erlebt und der nachwirkt. In der eigenen Praxis, im Unterricht, im Alltag.
Unsere Zeit dort war intensiv, herausfordernd und zutiefst bereichernd. Und sie hat einmal mehr gezeigt: Der Weg der Kampfkunst ist, wenn man ihn ernsthaft geht, immer auch ein Weg zu sich selbst.














































